Der isländische Progressive Jazz unter den Nischenprodukten

23. November 2015 Annett Bergk

Rost Frank Michael Ohrland VerlagEs macht den Eindruck, Otto-Normalverbraucher finden Hörspiele immer nur dann, wenn sie nach Weihnachtsgeschenken suchen. Und dann nur zufällig. Und neben einer Unmenge von Hörbüchern.

Redakteurin Annett Bergk hat nachgefragt, wie die Chancen für die Medien-Gattung stehen, je wieder aus ihrem Nischen-Dasein herauszukommen. Sie hat mit dem Hörspielmacher Frank-Michael Rost (Foto © Nicole Traut) vom Ohrland Verlag für Hörbücher und Musik in Erftstadt gesprochen. 

Seine Einschätzung: „Das kommerzielle Hörspiel ist ein Nischenprodukt, das nur eine kleine Gruppe von Hörern anspricht. Und diese entspricht keinesfalls der ‚Hörbuch-Gruppe‘. Vielleicht kann man es mit isländischem Progressive Jazz vergleichen. Wer sich wirklich dafür interessiert, findet ein reichhaltiges Angebot.“

Michael Rost weiter: Da immer mehr Medien dazukommen, ist es jedoch unwahrscheinlich, dass das kommerzielle Hörspiel jemals wieder die Bedeutung haben wird, die es in den 60er-, 70er- und frühen 80er-Jahren hatte. Das ist nun mal so. In der Antike war das Theater auch an der Spitze der Nahrungskette, heute muss es mit Film, TV, Video-on-Demand usw, konkurrieren. Nichts bleibt, wie es ist. Aber ich habe kein Problem damit, ein Nischenprodukt herzustellen. Meine Devise ist: Qualität vor Massengeschmack.

Annett Bergk: Wie gehst du vor diesem Hintergrund das Marketing an? Wie hältst du deine kleine Nischen-Zielgruppe am Ball?

Rost: Ich nutze hauptsächlich soziale Netzwerke, meinen Weblog und jede Gelegenheit, über die Projekte öffentlich zu sprechen, zum Beispiel im Rahmen von Kulturveranstaltungen. Erst im September habe ich ein sehr aufwändiges Cungerlan-Livehörspiel bei der Erftstädter Kulturzeit auf die Bühne gebracht. Die Aufführung selbst war mit 200 zahlenden Gästen gut besucht, aber viel wichtiger war der Livestream auf Muxx.tv. Darüber haben wir nochmal rund 20.000 Leute erreicht – und das Video ist weiterhin im Netz abrufbar.
Der nächste Schritt wird der Wechsel in andere Medien sein. Aktuell steht der erste Cungerlan Roman vor der Fertigstellung. Dazu wird es natürlich Lesungen geben und später (vielleicht) ein Hörbuch. Damit würde sich der Kreis schließen.

Bergk: Diese Strategie von Live- und Online-Maßnahmen ruft bei dem einen oder anderen Marketier direkt das Wort „Storytelling“ auf den Plan. Welche Inhalte nutzt du für die Kommunikation?

Rost: Cungerlan wird über die Figuren und das fantastische – und natürlich schwer skurrile – Umfeld erzählt. Obwohl einige sehr gute Sprecher dabei sind – beispielsweise Bernd Rumpf, die deutsche Stimme von Liam Neeson, Josef Tratnik oder der im letzten Jahr leider verstorbene Peer Augustinski – läuft die Kommunikation weniger über diese „Stars“. Das Gesamtkonzept steht im Vordergrund. Letztlich trägt man seine eigene Haut zu Markte. (lacht)
Da die Gesamterzählung sehr, sehr umfangreich ist, nehme ich für Livehörspiele in der Regel nur kurze Ausschnitte oder schreibe gleich ein eigenes Script, das im Cungerlan-Universum spielt, aber nicht die Hauptgeschichte berührt. Ich verwende also Ausschnitte oder neue Texte, setze die Figuren in neue Zusammenhänge usw. So bleibt es spannend, ohne dass ich das Rad neu erfinden muss.

Bergk: So viel Kreativität in der Kommunikation verdient den Chefposten des Instituts für Hörspiele in Deutschland! Mindestens.

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